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12 Fragen an: Richard Gutjahr, Journalist und Blogger

Male hand holding microphone for the interviewDie Besucher des eMarketingday 2014 in Aachen werden sich noch gut an ihn erinnern können: Richard Gutjahr hielt als Impulsredner den Vortrag „Wo geht’s hier bitte ins Neuland? – Expedition in die digitale Zukunft“. Über seine neuen spannenden Projekte und die Marketing-Chancen für Unternehmen im Netz spricht er in unserer Serie „12 Frage an…“:

 

1.    Sie sind ein multimedialer Journalist, haben für den Rundfunk und die Presse gearbeitet und betreiben auch im Internet viele spannende und vielbeachtete Projekte. Würden Sie sagen, dass das Internet das Medium der Zukunft ist?
Das Internet ist kein Medium. Das Internet ist eine Infrastruktur, die alle bisherigen Kommunikationsformen in sich vereint. Es funktioniert linear wie non-linear, aktiv wie passiv, zwischen Sender und Empfänger, Empfänger und Sender und sogar zwischen den Empfängern untereinander, ganz ohne einen klassischen Sender. Fast 80 Prozent der Bundesbürger sind an diesem Netz angeschlossen. So gesehen ist Internet nicht erst die Zukunft, sondern bereits die Gegenwart.

2.    Gemeinsam mit einer Gruppe Mitstreiter haben Sie jetzt das Online-Magazin Krautreporter gestartet. Was steckt dahinter?
Es ging darum, ein neues Finanzierungsmodell für Journalismus im Netz zu finden. Zwar machen große Medienhäuser wie Springer oder auch Burda bereits viel Geld im Internet. Allerdings tun sie das nicht mit journalistischen Angeboten, sondern vor allem mit Online-Shops und Single-Börsen. Bei den Krautreportern versuchen wir durch unsere knapp 15.000 Mitglieder, Journalismus direkt vom Leser finanzieren zu lassen. Keine Werbung. Kein Verkauf oder Weitergabe von Daten. Jeden Tag ein Angebot gut recherchierter Geschichten von preisgekrönten Journalisten – für fünf Euro im Monat. Ich freue mich, dass es geklappt hat und wir unsere Startfinanzierung in Höhe von 900.000 Euro zusammen haben!

3.    Wie geht es nach dem Ende der Finanzierungsphase weiter?
Aktuell bauen wir die Webseite, legen das Design fest und das Redaktionssystem, über das wir mit unseren Mitgliedern über Themen diskutieren wollen – und das zum Teil noch in der Recherchephase. Wir möchten eine Nische besetzen und dort Dinge ausprobieren, für die in der Hektik des Tagesgeschäfts kein Platz ist.

4.    Wenn Werbung im Internet die User zunehmend nervt, müssen auch Unternehmen umdenken. Wie kann Marketing im Internet erfolgreich sein?
Wie alles im Netz sollte Werbung im Netz dem Publikum einen Mehrwert bieten. Die Kunden sind durchaus bereit, Werbung zu akzeptieren, wenn diese mehr bietet als nur eine platte Werbebotschaft. Sie muss zum Lachen oder Staunen anregen – sie muss eine Information transportieren, die über das eigentliche Produkt hinaus eine Bedeutung für den potentiellen Kunden hat. Und: Sie muss teilbar sein – sprich: der User muss in die Lage versetzt werden, die Botschaft mit seinen Freunden zu teilen. Das wird er aber nur dann tun, wenn der User davon überzeugt ist, dass diese Empfehlung auch gut ankommen wird.

5.    Kennen Sie gute Beispiele dafür?
In meiner Timeline begegnen mir häufig Inserate von Sixt, weil sie sehr plastisch sind, schnell auf den Punkt kommen und immer für einen Schmunzler gut sind. Der Tradeoff lautet: Werbebotschaft gegen einen guten Gag. Das lasse ich mir gefallen. Auch das Experiment von Pepsi hat mir gut gefallen: ein umgebauter Cola-Automat, der eine Dose Pepsi ausspuckt, wenn man die Pepsi-Fanseite bei Facebook liket. Aber auch der Kamerahersteller GoPro, der gerade erst an die Börse gegangen ist, schlägt einen interessanten Weg ein: den Aufbau einer eigenen Video-Plattform, auf der User ihre Filme präsentieren können. Marken werden immer mehr selbst zu Medienproduzenten. Eine Entwicklung, die bestimmt noch nicht zu Ende gedacht ist.

6.    Auch die Sozialen Netzwerke spielen für Unternehmen eine immer größere Rolle. Wo liegen die Chancen und Gefahren, wenn man mit seinen Kunden befreundet ist?
Ganz einfach: Tue Gutes und rede darüber. Facebook und Co. können nur dann helfen, wenn man ein  gutes Produkt hat. Daran führt kein Weg vorbei. Wenn ein Angebot nichts taugt, durchschauen das die Kunden. Die Menschen haben schon immer geredet. Mit dem entscheidenden Unterschied: Anders als früher tun sie das heute öffentlich. Wenn sich irgendwo ein Shitstorm zusammenbraut, ist es doch besser, das geschieht auf der eigenen Seite und nicht auf einer Plattform, auf der man überhaupt keine Einflussmöglichkeit hat. Je früher man in den Sozialen Netzwerken aktiv ist, desto größer die Chance, die Diskussion in die gewünschte Richtung lenken zu können.

7.    Braucht jedes Unternehmen deshalb einen Social Media Manager?
Ja, und dann am besten jemanden, der ohnehin Tag und Nacht online ist. Wer nicht auf Facebook und Twitter zuhause ist, wird sich schwer tun, die Sprache, Rituale und Gepflogenheiten zu verstehen. Das Schlimmste, was man im Web tun kann, ist Anbiederung. Die Kunden durchschauen das sofort.

8.    Wie Krautreporter beweist, wird auch das Thema Finanzierung momentan im Internet auf den Kopf gestellt. Crowdfunding – die Finanzierung durch den Schwarm – ist vor allem für Start-ups interessant. Können Gründer damit einfach loslegen oder gibt es vieles zu beachten?
Naja, man muss natürlich irgendwann auch liefern. Große Töne spucken, das machen viele im Netz. Wichtig ist es, realistisch gesteckte Ziele auch umzusetzen und die Community auf den Weg dahin mitzunehmen. Kommunikation ist ein Fluss, und das Netz ist der Strom, auf dem wir alle schwimmen.

9.    Haben Sie Tipps, wie man die Crowd am besten begeistert?
Wichtig ist es, in Vorleistung zu gehen und schon irgendeine Art von Prototyp, Konzeptentwurf, Video-Animation oder ähnliches fertig zu haben. Je plastischer das Projekt präsentiert werden kann, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Crowd bereit ist, die Kreditkarte zu zücken. Man will ja sein Geld nicht einfach zum Fenster hinaus werfen, sondern man setzt darauf, dass das Geld bei den Machern gut angelegt ist.

10.    Trotz aller positiven Seiten: Das Internet gilt auch als Aufmerksamkeits- und Zeitfresser. Wie schaffen Sie es, sich Ihre Online-Zeit sinnvoll einzuteilen?
Der Umgang mit dem Web ist eine Kulturtechnik, die man sich Stück für Stück erarbeiten muss. Ob aktiver Player oder passiver Konsument, man sollte lernen, seine Kraft und Zeit gut einzuteilen. Das Netz ist ein Marathon, kein Kurzstreckenlauf.

11.    Gibt es eine Seite im Netz, die Sie niemals wieder missen wollen?
Da fragen Sie noch? Mein persönliches blog – gutjahr.biz. Das ist mein eigenes kleines Reich, in dem ich mich austoben kann, mein Hub, mein eigener Vertriebskanal. Wer keine eigene, ansprechende Web-Präsenz hat, existiert doch heute gar nicht mehr.

12.    Und was ist Ihrer Meinung nach das „nächste große Ding“ im Internet?
Da gibt es zu viele, als dass ich mich da auf eines festlegen möchte. Wenn ich aber ganz allgemein zwei Bereiche nennen sollte, von denen ich überzeugt bin, dass diese noch wichtig werden, so wären das die Themen Mobile und Video. Ich denke, dass uns hier die ganz große Welle erst noch bevorsteht.

GutjahrRichard Gutjahr ist Absolvent der Deutschen Journalistenschule in München und hat an der Ludwig-Maximilians-Universität Politik und Kommunikationswissenschaften studiert. Heute arbeitet er als freier Mitarbeiter für die ARD und moderiert tagsüber die Nachrichtensendung „WDR aktuell“ sowie die Spätausgabe der „BR-Rundschau“. Daneben schreibt er regelmäßig als Kolumnist für die Münchner Abendzeitung und den Berliner Tagesspiegel.

Für seine Reportage-Reihe zu den Hartz-Reformen wurde Gutjahr 2006 mit dem Ernst-Schneider-Preis für herausragenden Wirtschafts-Journalismus ausgezeichnet. Zeit Online kürte ihn 2011 zum Netzjournalisten des Jahres. Im gleichen Jahr erklärte ihn das Medium Magazin in der Kategorie Newcomer zum Journalist des Jahres. Das Grimme-Institut hat 2013 mit der Nominierung von Richard Gutjahr zum ersten Mal in der Geschichte des Grimme Online Awards die persönliche Leistung einer Einzelperson gewürdigt: Die demokratische Gesellschaft profitiere von seinen Analysen, Impulsen und den von ihm initiierten Projekten.

Darunter ist zum Beispiel die Open-Data-Plattform LobbyPlag, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Lobby-Einflüsse in Gesetzgebungsverfahren sichtbar zu machen. Zusammen mit dem Team von Open Data City wurde Gutjahr 2013 mit dem World Summit Award der Vereinten Nationen ausgezeichnet.

 

Fotonachweis: Mathias Vietmeier
Bildnachweis: © rangizzz – Fotolia.com

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